Ein originelles Kochbuch mit ungewöhnlichen Passagen zu Norwegen

Von Eckart Roloff

Das hat Seltenheitswert: In einem deutschen Koch(!)buch einen längeren und sehr lehrreichen Text über Norwegen zu finden, noch dazu zu einem bösen Kapitel jenes Landes – und ebenso Deutschlands. Es lohnt sich sehr, davon zu lesen. Mag sein, dass wir hier von einem denkbaren Weihnachtsgeschenk sprechen.

Diesen Band (es geht nicht bloß um ein Kochbuch, wie sich bald zeigt) hat die Historikerin und Autorin Birgit Jochens geschrieben. Der Titel: „Zwischen Ambition und Rebellion. Karrieren Berliner Kochbuchautorinnen“. Die knapp 200 Seiten enthalten zehn Porträts, die Berlinerinnen aus dem 18. bis aus dem 20. Jahrhundert vorstellen.

Sie alle befassten sich klug und kundig damit, ihr Wissen über das Kochen und Backen nicht für sich zu behalten, sondern weiterzugeben durch seinerzeit viel genutzte Bücher wie „Die richtige und billige Ernährung“, „Kleines Kriegskochbuch“, „Neuestes Berlinisches Kochbuch“ (von 1785!) und „Ich koche für Dich“. Die vielen Rezepte daraus führen zu heute meist ungewöhnlichen Gerichten, beispielsweise „Kartoffelsalat in Halbtrauer“, „Gefüllte Zitronen“ und „Pikante kalte Koteletten“.

Angereichert wird das mit nicht weniger als 129 Abbildungen, viele davon in Farbe, soweit das Original es erlaubte. Da öffnet sich bei viel Fleisch und manchen Suppen eine ganz andere Welt, weit weg vom heutigen Mix aus Konserven, Fast Food und Tiefkühlkost.

Eine dieser Frauen, von der Birgit Jochens berichtet, ist Julie Elias, geboren 1866 in Berlin und gestorben 1943 - in Norwegen. Diese Kunstkennerin und „geschulte Genießerin“, die auch über Mode schrieb und sogar die Rezepturen alkoholischer Getränke verriet, wandte sich mit ihren Büchern an „die moderne Dame, die Sport treibt oder gar einen praktischen Beruf ausfüllt und nicht allzu viel Zeit für ihre Wirtschaft übrig hat“.

Halvdan Koht, ein hilfsbereiterAußenminister

Ihre jüdische Herkunft zwang sie ins Exil nachElias III Norwegen; mit Hilfe des Außenministers Halvdan Koht gelang das 1935. Doch als Hitlers Truppen von 1940 an Norwegen besetzten, das Land verheerten und Juden auch hier verfolgt wurden, folgten sehr schwere Zeiten. An das Schreiben von Büchern war nicht mehr zu denken.

Die erfolgreiche Laufbahn als Publizistin hatte mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten ein Ende gefunden. Ihr Mann Julius Elias war bereits 1927 an einer Lungenentzündung verstorben. Hinzu kommt nach Jochens‘ Darstellung dies: „1933 wurde dem Sohn Dr. Ludwig Elias (1891–1942) die Zulassung als Rechtsanwalt entzogen, der Antrag der Autorin auf Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer abgelehnt und ihr damit der Beruf, den sie jahrzehntelang ausgeübt hatte, verboten.“

In den folgenden Abschnitten geht es in Richtung Norden: „Dass Mutter und Sohn 1938 Deutschland verlassen und nach Norwegen emigrieren konnten, ist wesentlich dem Einfluss von Halvdan Koht (1873–1965), dem damaligen norwegischen Außenminister, zu verdanken, einem aufrechten Antifaschisten und langjährigen guten Freund der Familie.

Koht hatte, bevor er Professor für Literaturgeschichte an der Königlichen Friedrichs-Universität in Oslo wurde, zusammen mit Julius Elias unter anderem Briefe von Ibsen herausgegeben und sich wie dieser um die Vermittlung norwegischer Literatur in Deutschland verdient gemacht.“

Weiter lesen wir zu Julie Elias: „Sie war den Nationalsozialisten unmittelbar nach der Pogromnacht am 12. November 1938 entronnen. Ihr Sohn, der bereits in der Schweiz lebte, folgte am 10. Dezember. Beide gehörten damit zu den gerade mal 2000 Juden, denen Norwegen, das mit hoher Arbeitslosigkeit und Fremdenskepsis zu kämpfen hatte, bis 1940 Schutz zu geben bereit war. Quälende Monate waren vorausgegangen. Bereits im August 1935 hatte sich Julie Elias hilfesuchend an Halvdan Koht gewandt.“

 

„Wir tragen uns mit Auswanderungsgedanken“Elias II

In einem Brief schrieb sie an ihn: „Sie kennen die Ereignisse der letzten drei Jahre in Deutschland, insbesondere auch die Entwicklung der letzten beiden Monate. Sie werden sicher verstehen, wenn wir kurz sagen (wie es der Papst hinsichtlich der katholischen Kirche gesagt hat): die Lage der deutschen Juden ist unerträglich geworden. Wir tragen uns daher mit Auswanderungsgedanken.

Während ich persönlich, aus finanziellen Gründen so lange ausharren möchte wie möglich, steht bei meinem Sohn nichts einer Auswanderung im Wege und zwar möchte er in ein Land, dessen Staatsangehörigkeit er möglichst bald erwirbt. Da haben wir nun an Norwegen gedacht, weil wir eventuell Ihre Unterstützung dort haben und weil mein Mann sich doch einige Verdienste um Literatur und Kunst Norwegens erworben hat. Wir glauben aus Ihrem letzten Brief entnehmen zu dürfen, dass Sie unsere Gedanken erraten haben und dass Sie uns Schutz und Hilfe gewähren wollen.“

Dem folgen diese Zeilen Julie Elias‘ an Koht: „Wir wagen daher die Bitte an Sie zu richten uns mitzuteilen, ob überhaupt eine Möglichkeit besteht in absehbarer Zeit das norwegische Bürgerrecht zu erwerben, unter welchen Bedingungen das möglich wäre, insbesondere wie lange Zeit man sich dort aufhalten muss und ob, falls im allgemeinen eine Aufenthaltsdauer von mehreren Jahren erforderlich ist, bei meinem Sohn eine Ausnahme gemacht würde? Ich würde – auf legale Weise natürlich – meinen Sohn finanziell sicher stellen.“

Birgit Jochens vermerkt auch diesen Hinweis, da der Brief mit einem Postskriptum schließt, „das die Entscheidung der norwegischen Behörden, Julie und Ludwig Elias zunächst einen sechsmonatigen Aufenthalt zu gewähren, beeinflusst haben durfte: „Wenn uns der norwegische Staat entgegenkommt und Schutz gewährt“, so Julie Elias, „wurde ich gern mich u.a. dadurch dankbar bezeigen, dass ich ihm für sein Ibsen- u. Bjørnson Museum Handschriften und Erinnerungen stifte.“

Endlich kam aus Oslo die Aufenthaltsgenehmigung

Und wie ging es weiter? Leicht war die Angelegenheit nicht, doch „nach einem ersten gescheiterten Versuch, eine Einwanderungserlaubnis zu erhalten, war es letztlich das Schreiben, das Halvdan Koht am 26. September 1935 zusammen mit dem Antrag auf eine Aufenthaltsgenehmigung, den Ludwig Elias für sich und seine Mutter verfasst hatte, an das Justiz- und Polizeiministerium in Oslo sandte, das den Verfolgten den Weg ebnete“.

Das hatte nämlich diese Wirkung: In diesem Brief „bürgt Koht für die beiden Deutschen. Man könne seinen Freunden, die er seit mehr als 30 Jahren kenne, vertrauen und es sei für Norwegen eine Ehrenpflicht, die beiden ins Land kommen zu lassen: ,Der verstorbene Dr. Julius Elias hat für die norwegische Literatur in Deutschland so vieles geleistet, vor allem für Ibsen, aber auch für viele andere, sodass wir Norweger nicht ruhig dabei zusehen können, wenn seine Witwe und sein Sohn nicht irgendwo unterkommen können.‘“

In Jochens‘ Buch lesen wir weiter: „Mutter und Sohn hatten mittlerweile für die notwendigen Voraussetzungen für ihre Einwanderung gesorgt. (…) Auch hatte sie ebenso wie ihr Sohn eine Überführung des Vermögens – abzüglich selbstverständlich der vom deutschen Staat beschlagnahmten Vermögenswerte nach Norwegen veranlasst. Damit konnten Mutter und Sohn zusichern, dass sie dem norwegischen Staat finanziell nicht zur Last fallen würden. (…) Immer wieder dem Einfluss von Halvdan Koht war zu verdanken, dass ihre Aufenthaltserlaubnis mehrfach verlängert wurde.“

Wertvolle Gemälde als Gegengeschenk

Nun noch etwas zu den angesprochenen Gemälden. Wie geplant, versuchten Julie und ihr Sohn, sich für das norwegische Entgegenkommen erkenntlich zu zeigen. Dazu berichtet Birgit Jochens: „So stellte Ludwig Elias 1939 fünf Gemälde von Edouard Manet, Claude Monet, Paul Cezanne, Camille Pissarro und Henri de Toulouse-Lautrec der Nationalgalerie Oslo für eine Ausstellung zur Verfügung. Sie wurden später über den Rechtsanwalt Eilif Moe aus Lillehammer an eine Osloer Kunsthandlung verkauft, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können.“

Dann aber provoziert Hitler den Krieg, und bald besetzt die Wehrmacht auch Norwegen. „Als die Nationalsozialisten 1940 in Norwegen einmarschierten, wurde die Lage für Mutter und Sohn, nun auch der schützenden Hand Kohts beraubt, der wie alle Regierungsmitglieder ins Exil gegangen war, immer schwieriger“, lesen wir im Buch. „Sie hatten sich, bevor die Nationalsozialisten auch in Norwegen deutsche Juden verfolgten, in die Pension Wiese am Rande von Lillehammer zurückgezogen, die ebenso wie das nahe gelegene Nermo-Hotel in Øyer zu einer kleinen Enklave von Juden geworden war, die vor dem Hitler-Regime geflüchtet waren.

Die letzten Monate

Julie Elias’ Krebserkrankung bewahrte sie vor der Einlieferung ins Internierungslager. Sie verbrachte die letzten Wochen im Krankenhaus Ullevål in Oslo, das während der Okkupation durch die Deutschen Herausragendes leistete, um jüdischen Menschen das Leben zu retten. Und sie konnte auch noch an ihren Wohnort Vinstra zurückkehren. Ihre Freunde – darunter Anna Henriksen, die in der renommierten Kanzlei von Eilif Moe und Hakon Thallaug arbeitete und der norwegischen Widerstandsbewegung angehörte – bewahrten Julie Elias davor, die Wahrheit über das Schicksal ihres Sohnes zu erfahren. Er ist mit mehr als 500 Juden von Oslo aus über Stettin nach Auschwitz Elias Iverschleppt worden. Julie Elias ist laut einem 1959 ihren Nachkommen erteilten Erbschein am 21. August 1943 verstorben.“

 

Soviel zu und aus diesem Buch „Zwischen Ambition und Rebellion“; dessen Blick auf Julie Elias und Norwegen ist sicher nicht mehr bekannt, wenn überhaupt. Erschienen ist es in diesem Sommer im Verlag für Berlin-Brandenburg. Es ist solide gebunden, musterhaft gestaltet und reich bebildert; es kostet 25,00 Euro. ■

Der Autor dankt dem Verlag für Berlin-Brandenburg dafür, dass der ihm das PDF der Seiten über Julie Elias und Halvdan Koht übermittelte. Dort finden sich auch die hier wiedergegebenen Abbildungen.